Eine karolingische Königsstraße aus dem Rhein-Main-Gebiet durch Spessart und Rhön nach Salz ?

Auswertung und Zusammenfassung der Forschungsergebnisse hessischer und bayerische Altstraßenforscher im Spessart und in der Rhön - Ergebnisse der Feldforschung.

Der Aufsatz wurde veröffentlicht in den Fuldaer Geschichtsblättern 2002 

"damit wann die Thale und Gründe von vielem Regen und Wasser angelaufen, man dennoch ohne deren Hinderung sowohl als auch je zuweilen im Geheimen fortkommen könnte". (Landgraf Hermann von Hessen-Rotenburg)

Der vorliegende Aufsatz stützt sich auf die gesicherte Erkenntnis, dass vor- und frühzeitliche Straßen auf den Höhenrücken (Wasserscheiden) verliefen und diese nur verließen, um Flüsse oder Bäche zu durchqueren. Des weiteren auf dem "Kontinuitätsprinzip", welches besagt, dass die frühen Straßen noch bis zum Bau der neuzeitlichen mit wechselnder Bedeutung weiter genutzt wurden: Insbesondere im 16. und 17. Jahrhundert wurden solche alten Straßen wieder erforscht und kartiert, weil man sich dadurch strategische Vorteile im Krieg versprach.

I. Lag die Rhön wirklich abseits wichtiger Fernverbindungen?

In der bisherigen Altstraßenforschung wird meist die Auffassung vertreten, dass durch die Rhön aufgrund ihrer "Abseitslage" keine wichtige Fernverbindung gezogen sei. (1)  Obwohl dies im Grunde richtig ist, denn wichtige historische Handelsstraßen zogen westlich und östlich an der Rhön vorbei, blieb bis heute die Frage offen, ob dies zu allen Zeiten so war oder ob es daneben nicht doch noch Durchgangsstraßen gab, die z. B. während der Zeit des Straßenzwanges in den Geleitsakten nicht erwähnt wurden. Als wichtige Straßen galten im Mittelalter und in der Neuzeit die Straßen, die als Handelsstraßen geleitsfähig und als Heerstraßen geeignet waren. Der Verlauf dieser Straßen ist aus vielerlei Gründen ausgiebig dokumentiert( Rechtsstreitigkeiten, Verpfändungen der Geleits- und Zolleinnahmen)  Doch es gab auch Waren, die selbst während der Messezeiten geleitsfrei waren (z. B. Bücher) und wo kein Zwang bestand, dass sie auf Geleitsstraßen transportierte werden mussten. Und es gab den Reiseverkehr, der sich auch nicht an die Geleitsstraßen halten musste. Für ihn wurden ab dem 16. Jahrhundert sogenannte "Itinerarien" und nachfolgend "Meilenscheiben" erstellt, aus denen die Orte zu  ersehen waren, die von der Reiseroute tangiert wurden.

Über die Gründe, weswegen viele Straßenforscher davon ausgingen, dass die Rhön von wichtigen Straßen umgangen wurde, kann man nur noch spekulieren: Ein Grund mag sein, dass man sich aufgrund der frühen urkundlichen Nennungen alter Straßen im Raume Fulda und insbesondere den ergiebigen Fundstellen in den Geleitakten über die hessischen Straßen durch das Kinzigtal und die "Kurzen und Langen Hessen" durch Nord- und Oberhessen auf diese und die thüringische und bayerische Straße von Eisenach nach Nürnberg bzw. Schweinfurt/Würzburg auf jene konzentrierte. Die politische Dreiteilung der Rhön und ihre mangelnde Bedeutung als Wirtschaftsraum mögen tatsächlich Gründe dafür sein, dass der "große Verkehr" das Gebiet mied. Mit Sicherheit hat auch die Lage des Amtes Lichtenberg, das mitten im Zentrum der Rhön als sächsische Exclave im würzburgisch/bayerischen Gebiet lag, mit dazu beigetragen.

Eine karolingische Königsstraße

Über die Reisen der Regenten ab dem frühen Mittelalter geben die "Königsitinerare" Auskunft. Wenn sie auch die zurückgelegten Strecken nicht genau beschreiben, so lassen sich doch aus dem Ausgangsort, den Etappenorten und dem Reiseziel Schlüsse über die Wege ziehen, auf denen die Reisen stattgefunden haben. Dadurch ist bekannt, dass einst eine karolingische Königsstraße aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Salz (und weiter) führte. (2) Bislang ging man davon aus, dass dafür die sogenannte Birkenhainer Straße bis in das Mündungsgebiet der Fränkischen Saale bei Gemünden genutzt wurde. Dies ist sicher nicht falsch, wenngleich hier auch noch Varianten, z. B. über Burgsinn oder Rieneck, infrage kämen. (3)  Die morphologischen Gegebenheiten, besonders aber die günstigere Trassenführung machen jedoch auch eine weitere Streckenführung wahrscheinlich. 
Georg Landau (4) beschrieb Mitte des 19. Jahrhunderts, leider ohne Nennung und zeitliche Eingrenzung der Fundstelle, eine Straße, die aus dem Rhein-Main-Gebiet durch Spessart und Rhön zum Thüringer Wald führte. Doch das Bindeglied zum Mündungsgebiet der Lauer in die Fränkische Saale, wo sich einst die Pfalz Salz befand, wurde möglicherweise als bedeutungslos erachtet. Um keine überhöhten Erwartungen zu wecken: Auch ich fand keine urkundlichen Belege dafür, dass es diese Verbindung gab, glaube aber, sie durch die Darstellung der morphologischen Gegebenheiten und die Heranziehung einiger Arbeiten früherer Altstraßenforscher wahrscheinlich gemacht zu haben. Des weiteren stütze ich mich auf den weiter unten näher erläuterten Grundsatz, dass die uralten Verbindungen auf den Höhen bzw. den Kämmen der Gebirge zu allen Zeiten - sogar bis in die neueste Zeit - weiter genutzt wurden. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass solche alten Höhenwege, über deren Existenz jüngere urkundliche Aufzeichnungen existieren, schon seit uralten Zeiten genutzt wurden. Doch bleiben  bei der dürftigen schriftlichen Überlieferung und der geringen Anzahl von Anhaltspunkten anderer Art alle Aussagen über den Weg in der frühgeschichtlichen Zeit nur begründete Hypothesen.

Die Feldforschung, also die Suche im Gelände nach dem möglichen Verlauf des Weges, habe ich ab 1999 mehrfach mit dem Mountainbike und zu Fuß absolviert. Da für den größten Teil des zu beschreibenden Weges bereits Erkenntnisse früherer Straßenforscher vorliegen, konnte ich mich auf das Gebiet zwischen dem oberen Sinntal und der Saale bei der Lauermündung konzentrieren.