Relikte aus der Zeit der Fuhrwerke an der B 278 in der Hochrhön.


Stundenstein bei Hollstadt LK Rhön-Grabfeld

Wer heute mit dem Auto oder dem Fahrrad durch die Rhön fährt, braucht keine Befürchtungen zu haben, dass er seinen Weg nicht findet. An jedem Ortsausgang und an jeder Kreuzung  finden sich Hinweistafeln, die das nächste oder ferngelegene Ziel angeben.

Ein Komfort, der so nicht immer üblich war. Auch Wegweiser oder gar Hinweistafeln waren früher mehr als rar. So muss man sich wundern, wie sich die damaligen Fuhrleute orientierten. Doch einige wenige Orientierungsmöglichkeiten gab es schon in frühesten Zeiten: Es waren große markante Bäume, Wartbäume, auch Bildeichen genannt, die meist an wichtigen Verzweigungen standen. An ihnen waren häufig Hinweisschilder zu in der Nähe gelegenen Orten angebracht. Neben ihrer Wegweiserfunktion hatten Bildeichen noch eine weitere: Marienbildchen oder Bilder von Heiligen sollten den Baum vor Vandalen schützen, seine Wegweiserfunktion erhalten.

Daneben gab es später Wegweiser: Zollstock, Eiserne oder Hölzerne Hand genannt, die in Form eines Stockes oder eines ausgestreckten Armes die Richtung angaben. Die Namen mancher Wegweiser setzen sich noch heute in Wald- oder Flurbezeichnungen fort. So gibt es in der Nähe des Guckaspasses (am Kreuzberg) und im Salzforst jeweils die Waldort-Bezeichnung "Eiserne Hand". Eine "Bildeiche" steht im Salzforst an einem Platz, an dem sich zu Forstwegen gewordene uralte Straßen noch heute verzweigen.

Weitere Merkpunkte waren auch Gedenksteine und Bildstöcke, die ebenfalls an wichtigen Kreuzungen errichtet wurden. So diente z. B. der Gedenkstein am sogenannten Schweinfurter Kreuz im Spessart, der von den Angehörigen eines im Mittelalter ermordeten Kaufmanns dort errichtet wurde, bis zum Bau der neuzeitlichen Straße (heute B 8) durch den Spessart als markanter und wichtiger Wegweiser. Es steht dort, wo die alte Nürnberger Poststraße den Eselsweg kreuzt.

 

Auf der B 278 durch das Ulstertal

Wenn man auf der B 278 durch das Ulstertal über die Hohe Rhön nach Bischofsheim und weiter auf der B 279 nach Bad Neustadt fährt, fallen die in scheinbar unregelmäßigen Abständen neben  der Straße stehenden konischen Säulen auf. Dieser Straßenzug wurde Mitte des 19. Jahrhunderts in seiner gesamten Länge von der heutigen thüringischen Landesgrenze bei Tann bis nach Bad Neustadt von bayerischen Behörden gebaut. Damals gehörten Teile der heutigen hessischen Rhön, darunter das Ulstertal, noch zum bayerischen Staat.

Solche "Meilensäulen" gibt es an vielen Straßen im Gebiet der Rhön und des Grabfeldes: Sie geben die Entfernung zum nächstgelegenen Ziel an, sind also die Vorläufer der heutigen gelben Hinweisschilder. Doch die an der B 278 zwischen Tann und dem Rhönhäuschen (Landesgrenze)  stehenden Säulen sind eine Besonderheit: Sie geben die Entfernung nicht in Meilen oder Kilometern an, sondern in Stunden. Im weiteren Verlauf bis nach Bad Neustadt, also auf bayerischem Gebiet, hat man die Angaben geändert: Sie lauten auf "Kilometer".

Warum ausgerechnet im Ulstertal die Stundenangabe erhalten blieb, lässt sich nur damit erklären, dass man eine Aktualisierung im abgelegenen hessischen Grenzgebiet nach Bayern, im Gebiet der Hohen Rhön, wohl nicht für nötig hielt. Ein Wunder, denn vor dem Bau der Autobahn (A 7) durch die Rhön hatte die B 278 eine wesentlich größere Verkehrsbedeutung als heute.

Doch die Zeit, die man brauchte, um von einem Ort zum andern zu gelangen, konnte ja je Konstitution und Ausrüstung unterschiedlich sein. Deswegen waren die "Stundenangaben" auf den Säulen ein "genormtes" Entfernungsmaß, das z. B. im Großherzogtum Hessen 2000 Klafter hatte, was etwa 5 Kilometern entsprach. Dies ist etwa die Entfernung, die ein beladenes Fuhrwerk in einer Zeitstunde zurücklegte.

In den verschiedenen deutschen Kleinstaaten gab es allerdings unterschiedliche Maße für diese Leistung: Sie lagen zwischen 5 und 7 Kilometern,  was auf die Wegebeschaffenheit in den einzelnen Gebieten (Zustand der Straßen, Geländebeschaffenheit, Höhenunterschiede) zurückzuführen ist. Auch die Post rechnete in Stunden. So betrug eine Poststunde um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert   ½ Meile, etwa 3,75 km.