Ein paar Gedanken nach dem Erscheinen meines in den Fuldaer Geschichtsblättern 1998 erschienen Aufsatzes " Der Alte Weg aus der Wedereiba in den Graffeldgau" .

von Jochen Heinke

veröffentlicht im Jahrbuch 2000 des Fuldaer Geschichtsvereins 

Nach dem Erscheinen meines in den Fuldaer Geschichtsblättern 1998 erschienen Aufsatzes " Der Alte Weg aus der Wedereiba in den Graffeldgau"  wurde ich darum gebeten, doch sorgsamer mit dem Namen Ortesweg umzugehen, da dieser nur im Umkreis des Klosters Fulda urkundlich belegt sei.
 Nun habe ich in meinem Aufsatz bereits in Kapitel 1.1. darauf hingewiesen, dass Ortesweg kein Eigenname, sondern ein Gattungsname ist,  ich aber trotzdem aus Gründen der Übersichtlichkeit im Text an der Bezeichnung festhalten will. 

Denn für den Weg, den der Pferdeknecht aus der Wetterau mutmaßlich nahm, ist schon seit vielen Jahren die Benennung Ortesweg gebräuchlich, wie sich auch für die "Alte Handelsstraße von Mainz nach Thüringen" der Name Antsanvia eingebürgert hat. Auch Antsanvia ist ein Gattungsname und bedeutet so viel wie "alte Straße". 
Das Festhalten  an den bisherigen Bezeichnungen ist normalerweise nicht weiter schädlich, da fast alle - wenn nicht sogar alle - überregionalen vor- bzw. frühzeitlichen Wegezüge heute künstliche Bezeichnungen tragen oder nur Namen, die in einer bestimmten Region gebräuchlich waren. Übereinstimmende Namen von vor- und frühzeitlichen Wegezügen, mit denen sie früher auf ihrer gesamten Strecke bezeichnet wurden, sind m. W. nicht überliefert. Eine durchgehende Benennung der z.T. europaweiten Fernwege gab es zu keiner Zeit und sie trugen in ihrem Verlauf mehrerer Namen.
Wenn man nun die Bezeichnung Ortesweg nur auf den Klosterbereich beschränkt sehen möchte, muss man versuchen zu klären, warum er dort an verschiedenen Stellen auftaucht. Ich werde am Ende des Aufsatzes versuchen, dafür eine schlüssige Erklärung zu geben. Zum besseren Verständnis will ich jedoch vorher noch auf die verschiedenen Wege eingehen, die das Gebiet des Klosters Fulda berührten.
  
 

Noch ein paar Anmerkungen zur Altstraßenforschung

Beim Studium mancher Ergebnisse der hessischen Straßenforschung fällt auf, dass viele Altstraßenforscher geradezu pingelig an den von ihnen im Gelände festgestellten Straßenzügen hängen, als ob es früher stets nur eine bestimmte Trasse gegeben hätte. Zur Erforschung einer alten Straße sind die urkundlichen Erwähnungen und das definierte Verkehrsziel unabdingbar. Doch ist auch der Verlauf der vor- und frühzeitlichen Verkehrswege durch das Gelände dabei von großer Bedeutung, richtete er sich doch in erster Linie nach den vorgegebenen Bedingungen. Dabei sind die wichtigsten Grundsätze, dass solche Wege als Höhen- oder Kammwege verliefen und dass sie, weil sie meist dem günstigsten Verlauf im Gelände folgten, auch noch in späteren Zeiten genutzt wurden. Gudrun Löwe schrieb 1956:

... durch alle Zeiten werden stets dieselben von der Natur vorgezeichneten Höhenwege entlang den Wasserscheiden benutzt, sei es vom fahrenden Händler mit Saumtier und Ochsenkarren, sei es von beuteheischenden Heerhaufen oder landsuchenden Bauern mit ihrer beweglichen Habe. Auch der Viehtrieb der einheimischen Weidebauern bevorzugt die bekannten, auf den Höhenrücken gar nicht zu verfehlenden, übersichtlichen Straßen. Als markante und allgemein bekannte Linien im Gelände werden Straßen schon früh vielfach zu Besitzgrenzen; noch heute fallen sie weithin mit Flur- oder Gemarkungsgrenzen zusammen ....

Es ist kein Widerspruch zu den Ausführungen von Löwe, wenn ich der Auffassung bin, dass es "gebräuchliche Fernstraßen" gab. Von Mainz zum Kloster Fulda konnte man zum Beispiel auf zwei verschiedenen Verbindungen reisen:

  • Am Taunusrand entlang durch die Wetterau und den Hohen Vogelsberg (nach Müller: Linke Nidderstraße ), der Weg, den nach der Beschreibung der Leichenzug des Bonifatius genommen hat
  • über (Frankfurt) Bergen und den östlichen Vogelsberg auf der "Alten Handelsstraße von Mainz nach Thüringen".

Bei den beiden Strecken wird bereits deutlich: Die Höhen, welche die Straßen überschreiten müssen, sind unterschiedlich. Während "Linke Nidderstraße" auf Höhen über 600 m steigt, bewegt sich die Alte Handelsstraße über den östlichen Vogelberg bei maximal 500 m. Neben anderen Dingen spielten bei der Wahl des "gebräuchlichen Weges" sicher auch die Jahreszeiten und die Wetter- und Klimaverhältnisse eine große Rolle. So wie es "Sommer-" und "Winterleiten" gab, wurden auf den Fernwegen auch schon mal andere Teilstrecken benutzt. Auch durch politische Verschiebungen und neue Siedlungen oder Aufgabe von bestehenden gab es zu allen Zeiten Änderungen am Verlauf und an der Bedeutung der Wege. Zum Beispiel zur Zeit der Fränkischen Landnahme und der danach erfolgten Sicherung der eroberten Gebiete durch Änderung der Verkehrsziele wie auch durch "Straßenbaumaßnahmen", wenn auch vermutlich nur in bescheidenem Rahmen. Die heutige Straßenforschung kann sich fast nur noch auf die Auswertung der teils widersprüchlichen Ergebnisse früherer Altstraßenforscher stützen. Sie kann aber auch Ergebnisse aus verschiedenen Untersuchungsräumen zusammenfassen, sodass sich unter Umständen neue Erkenntnisse über zusammenhängende Wege ergeben. Bei der Feldforschung muss man sich an den morphologischen Gegebenheiten im Gelände orientieren, wie es die meisten namhaften hessischen Altstraßenforscher getan haben. Spuren im Gelände deuten allerdings in der Regel nur darauf hin, dass diese Wege in späteren Zeiten mit Fuhrwerken befahren wurden. Beweise für den genauen Verlauf vor- und frühzeitlicher Straßen im Gelände wird man nur ganz selten antreten können und dann auch nur auf kurzen Teilstrecken. Schlüsse über den Verlauf dieser Fernverbindungen lassen sich allerdings aus entsprechenden Bodenfunden ziehen. Helmut Jäger schrieb 1954:

"detaillierte Trassenangaben zur Fixierung der alten Völkerstraßen sind in den ernstzunehmenden neueren Arbeiten in der Regel unterlassen worden, weil so gut wie keine vorfränkischen Quellen existieren und weil die bisherigen Bodenfunde nicht ausreichen, daran ganze Straßenzüge aufzuhängen. Trotzdem ist anzunehmen, dass die alten Trassen und Verbindungswege in der Regel weitertradiert werden, weil bis in die frühmittelalterliche Zeit in erster Linie die natürlichen Gegebenheiten des Terrains den Streckenverlauf bestimmen. Hierbei ist freilich nicht auszuschließen, dass sich mit den Verkehrszielen auch die Verkehrsfunktion einzelner Routen verschob."

Man kann davon ausgehen, dass die frühen Fernstraßen bis in die Zeit der Fränkischen Landnahme überwiegend als Höhen- oder Kammwege verliefen. Dabei gab es wohl an dem einen oder anderen wichtigen Flussübergang Brücken, wie man aus der "Vita Sturmi" weiß. Mit zunehmender Besiedlung zogen einzelne Verbindungen zwischen Ortschaften in den Tälern den Verkehr von den alten Hochstraßen ab. Dass sich dieser Prozess über einen langen Zeitraum hingezogen hat, dürfte dabei klar sein. Anzunehmen ist jedoch, dass Teilstrecken der alten Hochstraßen weiter gebräuchlich waren. Insofern läßt sich eigentlich kein klares Bild des gesamten frühen Straßennetzes zu einem bestimmten Zeitpunkt aufzeichnen. Görich hat mit dem System der Höhenwege auf den Wasserscheiden versucht, ein frühes Straßennetz zu rekonstruieren. Dieser Weg scheint mir richtig zu sein. Wenn man jedoch Verbindungswege und jüngere Straßen mit einbezieht, wird die Beschreibung m. E. unübersichtlich. Ich will mich deswegen nur auf die - vermuteten frühen Fernstraßen um Fulda aus der Zeit der Gründung des Kloster beschränken.