Ein paar Gedanken nach dem Erscheinen meines in den Fuldaer Geschichtsblättern 1998 erschienen Aufsatzes " Der Alte Weg aus der Wedereiba in den Graffeldgau" .

Wie kommt es nun zum Namen Ortesweg?

In der Sprachfamilie "Ort" bedeutet nach dem Lexikon :

  • Ortgang -  bei Sattel- oder Pultdächern die Begrenzung des Giebels durch die schräge Dachkante,
  • beim Schieferdach die Eindeckungsreihe der Anfangs- oder Endsteine am Giebel 
  • Ort - Ende des bergmännischen Stollens, Abbaustelle
  • Ortband -  unterer Abschluss der Schwertscheide

Immer also ist "Ort" eine Begrenzung!

Wie eingangs erwähnt muss man berücksichtigen, dass die Nennung der alten Straßen im Bereich des Klosters aus Sicht der Klosterbewohner erfolgte. Die Höhenzüge des Gieseler und Neuhöfer Forstes, mit  Himmelsberg und Steinerner Platte im Westen, bilden aus dem Blickwinkel des Kloster den Abschluss des Horizontes nach Westen und Südwesten. Beinahe im Halbkreis um das Kloster herum verläuft ein Kammweg, auf dem verschiedene Verkehrsziele zu erreichen sind und der seinen Anfang und Ende jeweils an der Fuldafurt in Bronnzell bzw. Kämmerzell hat. Für den Betrachter und insbesondere für den im Klosterbereich wohnenden, ist es dabei weniger von Bedeutung, dass sich der Kammweg aus drei verschiedenen Wegen, die alle ein anderes Verkehrsziel haben, zusammensetzt.  Für ihn ist es ein Weg - der Ortesweg.

Görich hat den Begriff des Ortesweges nach seinen beiden urkundlichen Erwähnungen auf den Klosterbereich beschränkt. Und zwar nach der Grenzbeschreibung in einen nördlichen im Bereich der Steinernen Platte und nach der Vita Sturmi einen südlichen in der Nähe der Bronnzeller Furt. Er schreibt: 

 "So hätten wir jetzt, vom Hellberg kommend, einen klaren Wasserscheidenweg, der sich vor der Höhe Alte Straße (458,4) - nach der oberen und unteren Fuldafurt, d.h. nach Bronnzell und Kämmerzell hin, auf zwei ebenso ruhige Rücken gabelt und auch in beiden Armen gleichermaßen als Ortesweg bezeichnet ward. Dies ist freilich nicht weiter zu verwundern, sondern vielmehr (n. Th. Haas) recht sachlich zu erklären, weil der Name - wie auch "Rennweg" - ganz allgemein "Kammweg" zu bedeuten scheint." 

Dem kann ich nur zustimmen, denn es gibt auch zwischen der Nennung des Ortesweges und der Nennung des Weges, den der Pferdeknecht einschlug, keinen direkten Zusammenhang. 

  • "Noch ein wenig höher ziehend kam Sturmius an den Pfad, der mit (seinem) altem Namen Ortesveca genannt wurde". Görich war der Auffassung, dass sich Sturmius dabei auf dem linken Ufer der Fulda befunden habe  . 
  • "Derweltliche Mann begann seines Weges weiter nach dem Graffelt zu ziehen." Man hat daraus geschlossen, dass er auf dem Ortesveca weiter gezogen war. Genauso könnte man aber auch sagen, dass dieser an der Furt durch die Fulda zuende war.

Fazit:

  • Ortesweg ist ein Gattungsnamen, weswegen es sicher richtig ist, ihn im Zusammenhang mit der Gründungsgeschichte des Klosters nur auf den Klosterbereich zu  beschränken.
  • Dass die Teilstrecken der drei Fernwege einen Weg bildeten, der, aus der Sicht des Klosters betrachtet, ein einziger Kammweg  war und deswegen "Ortesweg" genannt wurde, erscheint logisch.
  • ·ie "Alte Handelstraße von Mainz nach Thüringen" verlief zwischen der Wasserscheide von Kemmete und Jossa und der Höhe 416 in der Nähe der Bimbachquelle nicht als Höhenweg.
  • Die "Große Nord-Süd-Straße" verlief auf den Höhen westlich von Fulda und überquerte bei Neuhof die Fliede. Als Weinweg bzw. Weinstraße lief sie zu einer wichtigen Kreuzung im Bereich der Breiten First bei den Sparhöfen (nur 2 Tagesmärsche von Fulda entfernt), wo sie eine über den Spessart zur Rhön ziehende Straße kreuzte, die wahrscheinlich eine Straße des Königs zu karolingischen Zeiten war.