Ein paar Gedanken nach dem Erscheinen meines in den Fuldaer Geschichtsblättern 1998 erschienen Aufsatzes " Der Alte Weg aus der Wedereiba in den Graffeldgau" .

Wichtige Straßen im Gebiet von Fulda zur Zeit der Gründung des Klosters

Im Raum Fulda kreuzten sich seit Urzeiten wichtige Fernstraßen. Da diese hauptsächlich auf den Höhen verliefen und die günstigsten Geländegegebenheiten bevorzugten, sind sie abseits des Klostergeländes verlaufen. Dass sich mit der Gründung und dem Aufstieg des Klosters die Verkehrsbeziehungen und in der Folge die Verkehrsbedeutung einzelner Verbindungen veränderten, dürfte klar sein. Darüber hinaus sind alle frühen Straßenbenennungen durch Klosterbewohner aus ihrer Sicht der erfolgt, was mit in die Beurteilung einfließen muss. Insofern will ich in dieser Arbeit darauf eingehen, wie das Straßensystem um die Siedlung Eichloha vor der Gründung des Klosters bzw. in den Anfangsjahren ausgesehen haben mag.

Doch auch noch lange nach der Gründung des Klosters dürften Händler weiterhin auf den alten, abseits des Klosters verlaufenen Strecken unterwegs gewesen sein, während die Menschen, die mit dem Kloster in Beziehung standen, natürlich von den alten Fernwegen abbogen und auf Verbindungswegen zum Kloster zogen. Ihre Reise setzen sie danach auf einem anderen Verbindungsweg zur alten Fernstraße und auf ihr fort. Diese Verbindungswege waren in einer Übergangszeit -  bis sich durch die Entstehung der Talstraßen erneut andere Verkehrsverbindungen entwickelten - für den Verkehr zum Kloster von großer Bedeutung gewesen.

So ist es durchaus wahrscheinlich, dass man auf dem Weg von Mainz nach Thüringen von der alten Handelsstraße abbog und, wie von Görich beschrieben, auf der "Oberen Münsterer Straße" die klösterliche lange Brücke zu erreichen.  Auf der "Semita Antiqua" sei man  danach wieder zur alten Handelsstraße in Richtung Thüringen gelangt. 

Das  frühzeitliche "Fernstraßensystem" im Bereich von Fulda

Damals durchzogen mehrere Fernstraßen den Großraum Fulda. Drei davon auf den Höhenzügen westlich von Fulda, eine östlich, auf der Wasserscheide zwischen Fulda und Haune. Die östliche ist zwar hier nicht eigentlich Gegenstand der Betrachtung, doch sei ihr Verlauf kurz beschrieben:

Sie sei vom Spessart und der Hohen Rhön her gezogen, habe bei Lütter die Fulda durchquert und sei danach auf der Wasserscheide zwischen Haune und Fulda in Richtung auf Nieder Aula oder mit Ziel Fritzlar/Paderborn bzw. Kassel gezogen. 

Für Görich war sie die große "Nord-Süd-Straße". Vermutlich bei Nieder-Aula oder Hersfeld stieß sie auf die später so genannte "Geleitstraße durch die Kurzen Hessen".  In einer Karte von K. Th. Ch. Müller aus dem Jahre 1933 heißt diese auch "Regia Strata." 

Ich bin jedoch der Auffassung, dass die "Große Nord-Süd-Straße" einen anderen Verlauf hatte, denn der von Görich angenommene Streckenabschnitt südlich von Fulda  über Thalau zum Dammersfeld in der Hohen Rhön und weiter über den "befestigten Kreuzberg" nach Salz,  führt nach Südosten und nur auf einem Umweg nach Würzburg. Gleichwohl dürfte Görich Recht haben, dass es eine Verbindung über das Dammersfeld nach Salz gab.
Um das frühzeitliche "Fernstraßensystem" im Bereich westlich von Fulda besser verdeutlichen zu können, betrachte ich das Gebiet, etwa von der Wasserscheide zwischen Kemmete und Jossa unterhalb des Hellberges über die Bimbachquelle nach Kämmerzell, von dort zur Fuldafurt bei Bronnzell und durch den Neuhöfer Forst zurück zum Wasserscheide zwischen Kemmete und Jossa, als ein Zentrum, durch das 3 Fernstraßen hindurchlaufen (von Norden, im Uhrzeigersinn):

Von Norden  nach Süden 

  1. Von (Büraburg/Fritzlar) Hersfeld eine Verbindung, die auf 2 Wegen nach Süden verlief: 
  2. Ein Abzweig von der "Straße durch die Kurzen Hessen" nördlich von Lauterbach, der  über Salzschlirf und Gr. Lüder zur Höhe 416 in der Nähe der Bimbachquelle lief, wo er auf die Antsanvia und den unter Ziff.2 genannten Zweig traf.    Görich hat ihn in seiner Kartenbeilage zu "1200 Jahre Hünfeld" eingezeichnet, erwähnt ihn jedoch nicht in seinem Aufsatz, obwohl eine Teilstrecke von ihm als erschlossenen Fernweg auf kurzer Wasserscheide bezeichnet ist.
  3. Wie von Görich beschrieben, auf der Wasserscheide zwischen Haune und Fulda bis das Gebiet von Oberfeld, dann aber mit der Alten Handelsstraße von Mainz nach Thüringen zum Kreuzungspunkt Höhe 416 in der Nähe der Bimbachquelle.
    In ihrem weiteren Verlauf ab der Höhe 416 blieb diese Straße zunächst Kammweg, lief über die Steinerne Platte, vorbei am Himmelsberg und traf am Punkt "Alte Straße" auf den West-Ost-Weg ("Ortesweg", vom Vogelsberg in die Rhön).  Etwa ab dem "Maedkreuz" zog sie zu einer Furt durch die Fliede bei Neuhof, und danach über Mittel-/ Oberkalbach nach Sterbfritz im oberen Sinntal. Weiter führte die Straße als Hochstraße östlich des Sinntales in Richtung  Hammelburg und Würzburg.

Dies ist m. E. die große "Nord-Süd-Straße." Sie hat gegenüber dem von Görich südlich von Fulda angenommenen Streckenabschnitt durch das Dammersfeld und über den Kreuzberg nach Salz auch den Vorzug, dass sie die Hohe Rhön nicht tangiert und direkt nach Süden führt.  
Georg Landau beschreibt in seinen "Beiträgen zur Geschichte der alten Heer- und Handelsstraßen" eine solche Verbindung, die aus dem Norden nach Hersfeld, durch den Fuldaer Raum nach  (nach Hammelburg geführt habe:

 "....Sie führte nach Hersfeld und da in 2 Armen entweder auf der alten Bergstraße, welche längs der Fulda hinauflief, oder im Tale über Hünfeld nach Fulda. Weiter führte die Straße nach Neuhof, über Nieder- und Mittelkalbach, Veitsteinbach, wo Fulda 1357 einen Zoll erhielt, über Sterbfritz, zwischen Alten- und Neuengronau hindurch, wo sie noch jetzt die Alte Weinstraße heißt, über die Dörfer Sinn, wo sie schon 1015  genannt wurde (Schannat), nach Hammelburg.  

Von Nordosten nach Südwesten

Von Eisenach (Thüringer Wald) die "Alte Handelsstraße von Mainz nach Thüringen",  die bei Kämmerzell die Fulda querte und zur Höhe 416 in der Nähe der Bimbachquelle führte. Für ihren weiteren Verlauf gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Als "Frankfurter Landstraße"   wieder absteigend,  durch die "Kalte Lüder" in der Nähe der heutigen Hessenmühle und weiter oberhalb von Hosenfeld und Brandlos zur Wasserscheide zwischen Kemmete und Jossa (oberhalb von Hauswurz und Brandlos). Danach weiter auf der östlichen Flanke des Vogelsberges über Marköbel und (Frankfurt)-Bergen nach Mainz.
  2. 2. Weiter auf den Höhen über die "Steinerne Platte", vorbei am Himmelsberg, durch das Gebiet "Hinterschiefersrain" zur Verzweigung "Alte Straße" und gemeinsam mit dem Ost-West-Weg (Weg aus der Rhön zum Vogelsberg; "Ortesweg") zur Wasserscheide zwischen Kemmete und Jossa .  

Bereits in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es über den Verlauf der Alten Straße von Mainz nach Thüringen in diesem Bereich unterschiedliche Auffassungen. Th. Haas (Fulda) vermutete den Verlauf wie die "Frankfurter Landstraße"   änderte jedoch seine Meinung im Jahre 1920.    Müller und Vonderau  waren unterschiedlicher Meinung, so dass Müller seine Position in einer "Streitschrift" gegenüber Vonderau deutlich machte. 
Görich betonte sehr stark die Existenz der direkten Verbindung (1),  die er als "Frankfurter Straße" und als "Kürzungsstrecke" bezeichnet. (In seiner Karte heißt sie "Frankfurter Landstraße"). Auch Hahn bezeichnete sie als "Variante" und war der Auffassung, dass der Verlauf so war, wie unter Ziff. 2 beschrieben.   

 Unstrittig ist, dass die "Alte Handelsstraße von Mainz nach Thüringen" in den Urkunden als "Antsanvia" bezeichnet wurde. Die Benennung der Grenzpunkte des Klosters, insbesondere "Von der Bimbachquelle durch die Antsanvia ..."  macht nur Sinn, wenn diese so wie in Ziff. 1 beschrieben verlaufen ist. Deswegen neige ich zu der Auffassung, dass der "gebräuchliche Weg" zur Zeit der Klostergründung der wie unter Ziff. 1 beschriebene war.

Von Ost nach West

Von Osten (mittlerer und östlicher Thüringer Wald, Bamberg) der Weg durch die Rhön (in der Literatur "Ortesweg"), der die Fulda bei Bronnzell querte, über die Nippelskuppe auf die Höhen des Neuhöfer Forstes zog, sich am oder in der Nähe des "Maedkreuzes" mit der  von Hammelburg/Würzburg herziehende Straße vereinigte, mit ihr bis zum Höhenpunkt "Alte Straße" gemeinsam zog, und danach zur Wasserscheide zwischen Kemmete und Jossa (oberhalb von Hauswurz und Brandlos) führte, wo sie auf die "Alte Handelsstraße von Mainz nach Thüringen" traf. Für ihren weiteren Verlauf gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Mit der Alten Handelsstraße zur "Naxburg" oberhalb von Freiensteinau  und ab dort mit der "Vogelsberger Weinstraße" nach Westen.
  2. Oder aber auf der Wasserscheide bleibend über Nieder-Moos nach Crainfeld und weiter nach Westen zur Wetterau bzw. dem Marburger Land.  

 Wo genau diese Verbindung auf die Alte Handelsstraße traf bzw. von ihr abzweigte, darüber gab es in der hessischen Altstraßenforschung unterschiedliche Auffassungen zwischen Kofler, Vonderau  und Müller. Ob sie nun über Ober- oder Niedermoos nach Crainfeld gezogen ist oder den Schlenker um die Naxburg gemacht hat,  wird sich nicht mehr nachvollziehen lassen.
Die Strecke in das Marburger Land könnte die von Hahn vermutete Querverbindung zwischen den keltischen Hauptstädten sein, die

"den Staffelstein mit der Steinsburg auf dem Kleinen Gleichberg im Grabfeldgau und im weiteren Verlauf mit der Milseburg und dann dem Dünsberg bei Gießen"

verband. Dass die bereits eingangs erwähnte "Linke Nidderstraße" ebenfalls in den Großraum Fulda einmündete, soll nicht unerwähnt bleiben. Sie dürfte aber vom Hohen Vogelsberg so wie die Ost-West-Verbindung verlaufen sein.

Der Kammweg auf den Höhen westlich von Fulda

Auf den Höhen des Neuhofer und Gieseler Forst bildeten die das Gebiet durchlaufenden Teilstrecken der drei Fernwege ein durchgehendes Kammwegsystem, das an der Kämmerzeller Furt begann und an der Bronnzeller Furt endete:

  • Die Teilstrecke der "Alten Handelsstraße von Mainz nach Thüringen" ab der Kämmerzeller Furt zur Höhe 416 in der Nähe der Bimbachquelle. Dort traf sie auf die von Schlitz / Gr. Lüder herziehende "Nord-Süd-Straße." 
  • Diese blieb auf der Höhe und zog in südliche Richtung über die Steinerne Platte, vorbei am Himmelsberg und stets weiter den Höhenlinien folgend zum Punkt "Alte Straße" im Neuhofer Forst, wo sie auf den "Ost-West-Weg," den sogenannten "Ortesweg" traf, auf dem der "Pferdeknecht aus der Wedereiba" unterwegs war.
  • Dieser bildete den südlichen Teil des Höhenwegsystems und zog durch das Gebiet Hinterschiefersrain und über die Nippelskuppe zur Furt bei Bronnzell.