Das Stader Itinerar

Die Orientierung unterwegs

Zur Zeit Abt Alberts gab es entlang der Verkehrswege noch keine Wegweisung. Zwar gab es in der Landschaft deutlich weniger Wege als heute, doch waren alle Wege unbefestigte Naturwege und sahen entsprechend ähnlich aus.

Bleibt also die Frage zu klären, wie eigentlich Abt Albert in die Lage versetzt wurde, seinen Weg zu finden und die Entfernungen in Meilen so genau zu bestimmen. Vor allem, weil auch die Meilenmaße in einzelnen Ländern unterschiedlich waren. Doch Abt Albert hat sich mit seinen Angaben genau an diese unterschiedlichen Maße gehalten, sowohl für den Hinweg wie für den Rückweg.

Da die Etappenlängen in Deutschland sehr deutlich zwischen einer Meile und fünf Meilen schwanken – fünf deutsche Meilen á ca. 7, 5 km entsprechen etwa einer Tagesetappe zu Pferde – gehe ich davon aus, dass Albert von Etappenort zu Etappenort geleitet wurde, d.h., er jeweils ortsansässige und ortskundige Führer hatte, die eben entweder nur den Weg bis zum nächsten Ort kannten und ihn dort an einen anderen Führer „übergaben“ oder sich die Zeit nahmen, einen ganzen Tag mit dem Abt zu verbringen, der ja immerhin einiges von seiner Reise zu erzählen hatte. Diese Leute konnten dann wahrscheinlich auch ziemlich exakt sagen, wie lange die gemeinsam zurückgelegte Strecke war.

Zwei Gründe sprechen für meine Hypothese:

  • Albert gibt für seine Etappen die Meilenmaße an, die in den jeweiligen Ländern Gültigkeit hatten. Dies lässt darauf schließen, dass er die Angaben von den jeweiligen Führern bekam, die sie ihm natürlich in den jeweils landestypischen Einheiten angaben. 
  • Dafür spicht auch die mit 16 Meilen ungewöhnlich lange Schlussetappe von Celle nach Stade, die einige Rätsel aufgibt. Es ist anzunehmen, dass sich Albert ab Celle (in der Nähe liegt das Kloster Wienhausen) bis Stade gut auskannte und deswegen auch keinen Führer mehr benötigte.

Des Weiteren gilt es, folgendes zu beachten: Der Weg nach Rom spielte in Mitteleuropa schon während der Römerzeit eine große Rolle. Viele Römerstraßen südlich des Mains führten direkt nach Rom, wie z. B. die Via Claudia Augusta, auf der Abt Albert wahrscheinlich unterwegs war. 

Die Christianisierung des Frankenreichs durch Angelsächsische Mönche machte den Romweg bereits im frühen Mittelalter zu einer der bedeutensten alten Straßenverbindungen: Aus der Vita von Bonifatius, dem wohl wichtigsten Missionar in Austrasien (Ostfranken)  während der Frankenzeit, wissen wir, dass er von England aus zunächst nach Rom reisen musste (wohl auf dem Weg, der heute als Via Francigena bekannt ist), um sich die Erlaubnis zum Missionieren in Ostfranken  vom Papst zu erbitten. Wegen seiner guten Kontakte zum Fränkischen Herrscherhaus war er danach für die Kirche ein wichtiger Vermittler. Er war insgesamt viermal in Rom, und er schickte nicht wenige Mönche als Boten auf den Weg dorthin. 

Wenn also der Weg nach Rom für die Kirche im Deutschen Reich eine so große Rolle spielte, ist davon auszugehen, dass in den wichtigsten damaligen kirchlichen Zentren, den Bischofssitzen und den großen Klöstern, Beschreibungen des von dort  jeweiligen Weges nach Rom vorhanden waren. Vielleicht gab es dort sogar auch Wegekundige, die speziell als Boten eingesetzt wurden.