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Das Stader Itinerar


Pilger

 Albert von Stade wurde Ende des 12. Jahrhunderts in Niederdeutschland geboren. Er war Abt des Marienklosters in Stade. Im Jahre 1236 unternahm er eine Romreise, über die er in seinen Weltchroniken aus den 1250er Jahren berichtete. 

Die Reisebeschreibung des Albert von Stade, das Stader Itinerar, ist eine der ältesten und zugleich die umfangreichste für Pilger aus Nordeuropa nach Rom.

Sein Reiseweg führte ihn von Stade über Bremen nach Münster und Maastricht. Über Reims, Chalon, Lyon erreichte er die Alpen, die er zwischen Chambery und Susa überquerte. Turin, Piacenca, Bologna, Arezzo und Orvieto sind einige der weiteren Stationen des Hinweges in Italien bis Rom.

Ohne Beschreibung der Sehenswürdigkeiten Roms – viele Reiseführer des Mittelalters enthalten solches – fährt Albert von Stade mit der Beschreibung der Stationen auf der Rückreise weiter.

Der Rückweg führte ihn über Arezzo nach Bologna, über Padua, Trient, Bozen, Innsbruck und Garmisch nach Augsburg. Bis nach Rothenburg entspricht die weitere Reise der heutigen romantischen Straße mit den Stationen Dinkelsbühl und Rothenburg.

Über Aub und Ochsenfurt wird Würzburg erreicht und über Schweinfurt, Münnerstadt, Neustadt, Meiningen und Schmalkalden geht es durch die Rhön und über den Thüringer Wald nach Gotha, Bad Langensalza, Nordhausen, Hasselfelde, Wernigerode, Hornburg, Braunschweig und Celle zurück nach Stade.

1. Die Reise des Stader Abtes Albert von Stade durch Frankreich nach Rom

Den Grund, weswegen Abt Albert zunächst auf einem großen Umweg durch Frankreich reiste, hat er uns nicht verraten. Doch es muss mit der bevorstehenden Umwandlung seines Marienklosters in Stade im Zusammenhang stehen.

Uwe Ruprecht aus Stade schreibt am 11. Juli 2002 im HAMBURGER ABENDBLATT:

Seit 1144, als die männliche Linie der Stader Grafen ausgestorben war, rangen zwei Parteien um die Herrschaft über die einträglichen Besitztümer zwischen Elbe und Oste: einerseits der Braunschweiger Welfenfürst Heinrich der Löwe und seine Nachkommen, andererseits die Erzbischöfe von Bremen. Zu den Schachzügen von Erzbischof Gerhard II. gehörte der Versuch, St. Marien von einem Benediktiner- in ein Zisterzienserkloster umzuwandeln, wodurch es nach der geltenden Rechtslage unter seinen direkten Einfluss geraten wäre. Abt Albert hatte offenbar eigene, theologische Gründe, an diesem Plan mitzuwirken. Vielleicht deshalb, weil die Ordensregeln der Zisterzienser strenger waren als die der Benediktiner. Nur wollten seine Ordensbrüder nicht dabei mitmachen. Albert beschloss also, sich Unterstützung von höchster Stelle zu holen und machte sich auf den Weg zum Papst nach Rom.

Auch schon der renommierte Altstraßenforscher Herbert Krüger, der sich in den 50er Jahren intensiv mit Abt Alberts Routen befasst und zwei sehr umfangreiche Dokumentationen verfasst hatte,  war der Auffassung, dass der Grund der Reise Alberts in der bevorstehenden Umwandlung des Klosters zu sehen sei.

 Albert beginnt die Beschreibung seiner Reiseroute mit der fiktiven Unterhaltung der beiden Mönche Firri und Tirri:

Darauf sagte Firri: „Wohlan Tirri, ich will nach Rom reisen. Unterrichte mich über die Wegeverhältnisse“. Darauf Firri:  „Auf welchem Weg willst du dorthin reisen?“  Und jener: „Durch das Mauriana Tal ( in den Französischen Alpen); aber zuvor will ich von Stade aus nach Dänemark, um Pferde  zu besorgen. Ihm entgegnet Firri: „Ich will dir also die Stationen nennen und die dazwischen liegenden Meilen angeben.“ 

Also liegt es nahe anzunehmen, dass die Route etwas mit dem Mauriana-Tal zu tun haben könnte. Doch im Gegensatz zu anderen Orten, wo Albert auf Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten aufmerksam machte, erwähnt er in seiner Beschreibung dort nichts, was auf eine außerordentliche Besonderheit in diesem Tal hinweisen würde, die den großen Umweg lohnen würde. Zwar erwähnt er die „schwarzen Wasser“ von drei dort zusammenfleißenden Flüssen und deren „dunkle Schluchten“, doch scheint dies nicht der Grund für die  umwegige Anreise gewesen zu sein.

Sollte der Grund für den Umweg durch Frankreich im Zusammenhang mit den Zisterziensern zu suchen sein? 

Warum der Umweg durch Frankreich?

Sollte der Grund für den Umweg durch Frankreich im Zusammenhang mit den Zisterziensern zu suchen sein?

Da der Anlass für seine Reise die  bevorstehende Umwandlung seines Klosters in ein Zisterzienserkloster war und das damalige Zentrum der Zisterzienser in Frankreich lag, liegt die Vermutung nahe, dass Albert deswegen durch Frankreich reiste. Tatsächlich lag das Mutterkloster Cîteaux (lat. Cistercium, dt. Zisterze) nahe seines Reiseweges, zwischen Dijon und Beaune. Es war Namensgeber des Zisterzienserordens und war1098 von dem Benediktiner Robert von Molesme und zwanzig weiteren Mönchen der Abtei Molesme gegründet worden.

Google-Map zeigt das Gebiet zwischen den von Albert genannten Etappenorten Chanceaux (A außerhalb der Karte) Fleurey (B) und Beaune (F). Das Zisterzienserkloster, die Abbaye de Citeaux (D), liegt  etwa 12 km abseits der Hauptroute. C und E sind Hilfspunkte und wurden nur zur Bestimmung der Route eingefügt. 

Alberts Reisebeschreibung enthält dazu folgende Passage: ": ... nach 5 Meilen Chanceaux. Nahe diesem Ort entspringt die Seine. Es folgt Fleurey und nach 6 M Beaune. (6 Beane propre Cistercium)

Kein Zweifel, dass dieses " Cistercium"  mit der heutigen Abbaye de Citeaux identisch ist.

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Das Scheitern des Planes zur Umwandlung des Klosters

Alberts Ausflug nach Rom war erfolglos: Er erhielt vom Papst zwar das erhoffte Dokument, doch nur mit bestimmten Auflagen. Doch auch die politische Lage in Stade hatte sich geändert: Der Erzbischof ging ein Bündnis mit den Welfen ein und hatte kein Interesse mehr an der Umwandlung des Marienklosters. 

Abt Albert betrieb den Plan noch eine Weile weiter, bis 1240 sein Reformversuch endgültig an dem Widerstand seiner Klosterbrüder scheiterte und er sein Amt als Benediktinerabt niederlegte. Er trat er dem Kloster St. Johannis der Franziskaner bei, einem Minoritenorden, das gerade erst gegründet worden war, vielleicht sogar von Albert selbst.

Dieses Scheitern dürfte die größte Niederlage in Alberts Leben gewesen sein.

In diesem Scheitern ist auch der Grund zu sehen, warum er die Abbaye de Citeaux in der Beschreibung des Weges nach Rom als Etappenort nicht erwähnt hat. Dass er dort war, ist wiederum aus seiner Reisebeschreibung, genau genommen seinen Entfernungsangaben zu entnehmen: Denn Alberts Angaben der Entfernungen zwischen Chanceaux und Beaune sind ungewöhnlich ungenau:

... nach 5 Meilen Chanceaux. Nahe diesem Ort entspringt die Seine. Es folgt Fleurey und nach 6 M Beaune.

Es fehlt also die Entfernungsangabe von Chanceaux nach Fleurey. Krüger ist das möglicherweise  nicht aufgefallen, denn er schreibt: „ für das Straßenstück zwischen Chanceaux und Beaune  werden sowohl im Stader als auch im Brügger Itinerar übereinstimmend 12 Leugen = 54 Kilometer angegeben“.

Er nimmt also für die Entfernung zwischen Chanceaux nach Beaune  6 (französische) Meilen an, was etwa 54 km entspricht. Diese Entfernung wurde jedoch von  Albert nur für die Strecke zwischen Fleurey und Beaune angegeben. Er selbst errechnete für die Strecke zwischen Chanceaux nach Beaune  67 km. Die Differenz der beiden Angaben entspricht –19,4 % und gehört damit zu den höchsten Abweichung auf allen seinen Streckenabschnitten.

Wegen der sonstigen Genauigkeit der anderen Angaben Alberts lässt das Fehlen einer Entfernungsangabe zwischen 2 Etappen gerade an diesem wichtigen Ort darauf schließen, dass er von Fleurey nach Citeaux und von dort nach Beaune zog, also nicht den direkten Weg von Chanceauy über Fleurey nach Beaune nahm. Die Entfernung des direkten Weges hat er möglicherweise nur anhand seiner Unterlagen geschätzt.

Dies alles sind zwar keine wissenschaftlichen Beweise, doch legen meine Vermutungen den damaligen Ablauf bzw. die damaligen Gründe zwingend nah. Ein Beweis ließe sich nur finden, wenn es in den Büchern der Abtei einen entsprechenden Eintrag über einen Besuch des Abtes gäbe.

(2) Die Rückreise von Italien über Österreich nach Deutschland

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Herbert Krüger, durch seine  Arbeiten über Altstraßen, besonders aber durch sein Buch über „Das älteste Deutsche Routenhandbuch, Jörg Gails Raissbüchlin“ bekannt, hat in den Jahren 1956 und 1957 eine umfassende Untersuchung des Stader Itinerars veröffentlicht.

Krüger untersuchte auch den Rückreiseweg des Abtes von Rom. Zwischen Innsbruck und Augsburg folgt die Route des Abtes zunächst der alten "Rottstraße", dem Handelsweg Augsburg-Venedig. Diese Handelsstraße verlief ab Schongau im Zuge der römischen Via Claudia Augusta, die damals wohl noch in Teilen bis nach Donauwörth erhalten war. 

Ab Donauwörth folgte die Stader Route der Handelsstraße Augsburg - Würzburg bis Rothenburg. Diese Route entspricht bis Rothenburg der heutigen Romantischen Straße. Von Rothenburg bis Würzburg ist sie mit den Stationen Aub und Ochsenfurt auch in Jörg Gails „Raissbüchlin“ als Handelsstraße aufgeführt.

Der hier besprochene Rom-Pilgerweg des Abtes war dessen  Rückweg von Rom. Jedoch wird die Bedeutung dieser seiner Rückreiseroute durch ein isländisches Itinerar deutlich verstärkt: In seinem Almanach "Hauksbók",  der vermutlich aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts stammt,  beschreibt Haukr Erlendsson aus Island mit kleinen Unterschieden in der Routenführung die gleiche Route als den Weg nach Rom. 

Im Unterschied zu anderen zeitgenössischen Quellen, bei denen die einzelnen Etappen der Reise in der Reiseschilderung enthalten ist und quasi erst herausgefiltert werden muss, ist das Stader Itinerar des Abtes „literarischer Selbstzweck“. Albert nennt, anders als andere Reisende, die ihren Bericht in Tagesreisen aufgeteilt und abgefasst haben, Stationen am Reiseweg mit den  - sehr unterschiedlichen - Entfernungen untereinander in Meilen zwischen den einzelnen Orten. Es ist die Vorwegnahme des heutigen “Roadbooks“, mit dem häufig Wander- oder Fahrradrouten beschrieben werden.

Die Form des Zwiegespräches bot darüber hinaus die Möglichkeit, auch Hinweise auf die Routen, auf Sehenswürdigkeiten und andere Besonderheiten sowie auf die Eigenarten der Menschen im fremden Land oder auf Gefahren hinzuweisen.

Sein Itinerar ist in den beiden Chroniken aus den 1250er Jahren als fiktives Gespräch enthalten.

Die Orientierung unterwegs

Zur Zeit Abt Alberts gab es entlang der Verkehrswege noch keine Wegweisung. Zwar gab es in der Landschaft deutlich weniger Wege als heute, doch waren alle Wege unbefestigte Naturwege und sahen entsprechend ähnlich aus.

Bleibt also die Frage zu klären, wie eigentlich Abt Albert in die Lage versetzt wurde, seinen Weg zu finden und die Entfernungen in Meilen so genau zu bestimmen. Vor allem, weil auch die Meilenmaße in einzelnen Ländern unterschiedlich waren. Doch Abt Albert hat sich mit seinen Angaben genau an diese unterschiedlichen Maße gehalten, sowohl für den Hinweg wie für den Rückweg.

Da die Etappenlängen in Deutschland sehr deutlich zwischen einer Meile und fünf Meilen schwanken – fünf deutsche Meilen á ca. 7, 5 km entsprechen etwa einer Tagesetappe zu Pferde – gehe ich davon aus, dass Albert von Etappenort zu Etappenort geleitet wurde, d.h., er jeweils ortsansässige und ortskundige Führer hatte, die eben entweder nur den Weg bis zum nächsten Ort kannten und ihn dort an einen anderen Führer „übergaben“ oder sich die Zeit nahmen, einen ganzen Tag mit dem Abt zu verbringen, der ja immerhin einiges von seiner Reise zu erzählen hatte. Diese Leute konnten dann wahrscheinlich auch ziemlich exakt sagen, wie lange die gemeinsam zurückgelegte Strecke war.

Zwei Gründe sprechen für meine Hypothese:

  • Albert gibt für seine Etappen die Meilenmaße an, die in den jeweiligen Ländern Gültigkeit hatten. Dies lässt darauf schließen, dass er die Angaben von den jeweiligen Führern bekam, die sie ihm natürlich in den jeweils landestypischen Einheiten angaben. 
  • Dafür spicht auch die mit 16 Meilen ungewöhnlich lange Schlussetappe von Celle nach Stade, die einige Rätsel aufgibt. Es ist anzunehmen, dass sich Albert ab Celle (in der Nähe liegt das Kloster Wienhausen) bis Stade gut auskannte und deswegen auch keinen Führer mehr benötigte.

Des Weiteren gilt es, folgendes zu beachten: Der Weg nach Rom spielte in Mitteleuropa schon während der Römerzeit eine große Rolle. Viele Römerstraßen südlich des Mains führten direkt nach Rom, wie z. B. die Via Claudia Augusta, auf der Abt Albert wahrscheinlich unterwegs war. 

Die Christianisierung des Frankenreichs durch Angelsächsische Mönche machte den Romweg bereits im frühen Mittelalter zu einer der bedeutensten alten Straßenverbindungen: Aus der Vita von Bonifatius, dem wohl wichtigsten Missionar in Austrasien (Ostfranken)  während der Frankenzeit, wissen wir, dass er von England aus zunächst nach Rom reisen musste (wohl auf dem Weg, der heute als Via Francigena bekannt ist), um sich die Erlaubnis zum Missionieren in Ostfranken  vom Papst zu erbitten. Wegen seiner guten Kontakte zum Fränkischen Herrscherhaus war er danach für die Kirche ein wichtiger Vermittler. Er war insgesamt viermal in Rom, und er schickte nicht wenige Mönche als Boten auf den Weg dorthin. 

Wenn also der Weg nach Rom für die Kirche im Deutschen Reich eine so große Rolle spielte, ist davon auszugehen, dass in den wichtigsten damaligen kirchlichen Zentren, den Bischofssitzen und den großen Klöstern, Beschreibungen des von dort  jeweiligen Weges nach Rom vorhanden waren. Vielleicht gab es dort sogar auch Wegekundige, die speziell als Boten eingesetzt wurden.  

Rompilgerzeichen

Im Gegensatz zur Jakobus-Pilgerfahrt, deren Zeichen die Jakobsmuschel ist, gab es für die Rompilgerfahrt unterschiedliche Zeichen. Eine kleine Auswahl:

Petrus_und_Paulus_Siebenb Petrusschl
Petrus und Paulus Siebenbürgen um 1500 Petrusschlüssel Paris um 1500
Petrusschl Vera_Ikon_1_K
Petrusschlüssel Siebenbürgen um 1500 Vera Ikon 1 Köln
Vera_Ikon_2_K Wienhausen_um_1400.jpg
Vera Ikon 2 Köln Pilgerzeichen Wienhausen um 1400
Pilgerzeichen.jpg  
Petrus und Pauls um 1300 Kassel (Blei-Zinn-Legierung)