Vortrag von Jochen Heinke, 12.9.2010 im Alten Amtshaus Bad Neustadt anlässlich des Tages des Offenen Denkmals

Im Jahre 1236 reiste Abt Albert von Stade nach Rom. Der Grund war ein „dienstlicher“ denn er wollte vom Papst die Erlaubnis erhalten, das Benediktiner Kloster in Stade, dem er vorstand, in ein Zisterzienserkloster umzuwandeln. Seine Erfahrungen und eine Beschreibung  der Route veröffentlichte er in den von ihm in den Jahren 1251 und 1252 verfassten  Annales Stadenses
Er reiste von Stade über Bremen zum Niederrhein und weiter nach Burgund, über die Alpen und Norditalien, die Toskana nach Rom.  Auf seinem Rückweg hielt er sich an den direkten Weg über den Brenner, Augsburg, Würzburg den Thüringer Wald und den Harz, über Braunschweig und Celle nach Stade.
Bis vor kurzem war nicht bekannt, warum Albert auf dem Hinweg eine so großen Umweg machte. Doch durch meine Forschungen konnte ich nachweisen, dass Albert mit großer Wahrscheinlichkeit auf dem Hinweg das Mutterkloster der Zisterzienser aufsuchte, das in Burgund zwischen Dijon und Beaune liegt. Doch hat der den Ort Citeaux bzw. das dortige Kloster nicht als Etappenort angegeben. Dies mag daran liegen, dass die Reise des Abtes nach Rom vom Ergebnis her erfolglos war: Er erhielt zwar vom Papst mit Einschränkungen die erhoffte Vollmacht. Jedoch hatten sich in Stade zwischenzeitlich die politischen Verhältnisse geändert und sein Bischof hatte kein Interesse mehr an der Umwandlung. Sicherlich sehr verbittert zog er sich Jahre später in ein anderes Kloster zurück und schrieb an seinen Annalen.

Albert hat uns eine sehr umfangreiche und genaue Beschreibung seiner Reise hinterlassen. Insbesondere die Etappenorte der Rückreise stimmen in großen Teilen mit dem Isländischen Almanach Hauksbok überein, das ca. 70 – 80 Jahre jünger ist.  Übrigens: Der Abschnitt zwischen Augsburg und Innsbruck wurde bereits 30 Jahre vorher von einem Augsburger Händler mit den gleichen Etappenstationen beschreiben wie von Abt Albert.

Historiker Otto Meyer sprach in einem Vortrag in Ochsenfurt von der Rückreiseroute des Abtes von einer „alten Europäischen Hauptstraße“. Dies ist sicherlich zutreffend, wenn auch meine Forschungen ergeben haben, dass die Bedeutung einiger Abschnitte dieser Europäischen Hauptstraße durch das Erstarken des Handels und die Dominanz der Messehandelsstädte in ihrer Bedeutung im späten Mittelalter und in der Neuzeit von anderen Straßen geschmälert wurde.

Dr. Uwe, Schott, einer der beiden Initiatoren der Rompilgerweg-Initative, hat 2007 in mühevoller Kleinarbeit die heutigen Namen der Etappenorte herausgefunden und damit den wichtigsten Grundstein für Erforschung des alten Weges gelegt.

Wenn wir heute eine Reise planen, stehen uns zahlreiche Hilfsmittel zur Verfügung. Die gute alte Landkarte ist trotz Routenplaner und GPS auch heute nicht wegzudenken und sie wird sicherlich noch viele Jahrzehnte Bestand haben. Doch weder das eine noch das andere standen Abt Albert vor seiner Reise zur Verfügung.

Die ersten Landkarten die auch Straßen zeigten, erschienen Ende des 15. / Anfangs des 16. Jahrhunderts.

Bezeichnenderweise war die erste auch unterwegs relative gebrauchstüchtige Karte eine Romwegkarte: Die des Erhard Etzlaub aus Nürnberg aus dem Jahre 1500: „Das ist der Rom-Weg von meylen zu meylen mit puncten verzeychnet von eyner Stat zu der andern durch deutzsche lantt“ (Größe 41 x 29 cm ,  Maßstab etwa ca. 1:5,6 Mio.) 

Doch wie konnte Albert seine Reise zu einem fast 2500 km entfernten Ziel planen und durchführen wenn er keine Karten hatte. Denn es reicht nicht aus, nur die bis zu 50 km auseinanderliegenden Etappenorte zu kennen: man muss sich natürlich auch auf den Straßen dazwischen orientieren. Denn es reicht nicht aus, nur die bis zu 50 km auseinanderliegenden Etappenorte zu kennen: man muss sich natürlich auch auf den Straßen dazwischen orientieren.

Stade war im 13. Jahrhundert die wichtigste Handelsstadt an der Unterelbe. Dort kamen die Schiffe aus den nordischen Ländern an, dort wurde das Handelsgut auf Karren und Fuhrwerke verladen und über Land durch ganz Europa transportiert. Umgekehrt kamen die Waren dort auch über Land an und wurden dort auf Schiffe verladen.

Es ist also anzunehmen, dass Albert die Details bzw. Etappen seiner Reiserouten von den Fuhrleuten erfahren hatte die ja durch ganz Europa unterwegs waren. Nicht auszuschließen ist aber auch, dass es im kirchlichen Bereich zu dieser Zeit Itinerare gab, die für Reisen der Kleriker von den kirchlichen Zentren aus den Weg nach Rom beschrieben. Denn Reisen nach Rom waren seit Beginn der Missionierung Nordeuropas üblich, ja sogar notwendig: Die Iroschottischen Mönche, die im Ostfränkischen Reich missionierten, reisten von den Britischen Inseln zunächst nach Rom, wo sie die Erlaubnis zum Missionieren vom Papst erhielten. Auch Bonifatius, der Gründer des Klosters Fulda, erhielt vom Papst in Rom die Erlaubnis zu missionieren. Er war insgesamt viermal in Rom. 

„Reiseführer für Geistliche“

Einen wichtigen Beleg dafür, dass es damals möglicherweise so etwas wie „Reiseführer für Geistliche“ gab, liefert uns die Geschichte der Via Francigena: Im Jahre 990, immerhin 240 Jahre vor Albert, reiste Bischof Sigerico von Canterbury nach Rom. Er hatte dort als Zeichen der Bischofsernennung das Pallium erhalten, das mit dem Kreuz versehene einfache Wollgewand. Sigerico notierte auf der Rückreise seine Etappenorte. Sein Reiseweg verlief mit insgesamt 80 Etappen von ca. 20 Kilometern über den Alpenpass Großer Sankt Bernhard. Seine Reiseroute der Fankenweg, heute auch Via Francigena genannt,  wurde 1996 zu einer europäischen  Kulturroute ernannt, etwas, das wir für den Weg des Abtes Albert, die Via Romea, ebenfalls anstreben.
Wegweiser, wie in unserer heutigen Zeit, gab es natürlich auch nicht, wenn man von denen an den römischen Straßen eventuell noch vorhandenen absieht. Aber eben nur in Italien und nicht in Deutschland.

Die unterschiedlichen Etappenlängen Alberts – zwischen einer und sechzehn Deutschen Meile (1 dt. Meile = ca. 7,5 km) brachten mich auf den Gedanken, dass Albert möglicherweise von Etappe zu Etappe geleitet wurde. Der Brauch, Fürsten und hochgestellte Geistliche zu geleiten, lässt sich schon zu Zeiten Karls des Großen belegen. Aus diesem Brauch entwickelte sich übrigens später das Handelsgeleit. Wir dürfen also annehmen, dass Albert jeweils einen wegekundigen Führer hatte, dessen Ortskenntnis auch die Distanzen der Etappen bestimmte. Da Albert die Länge der einzelnen Etappen mit einer außergewöhnlichen Genauigkeit nannte, dies überdies in den jeweiligen Landesmaßen – also Deutsche Meilen – Welsche Meilen, dürfen wir weiterhin annehmen, dass ihn deren Längen von den Führern genannt worden waren und er sie sich zusätzlich zu den Etappenorten notierte. Aber auch die Tatsache, dass Albert von Celle bis Stade auf einer Länge von 16 Meilen keine Etappenorte mehr angab, belegt diese Vermutung. Denn das war sein Umfeld, dort kannte er sich aus. 


Der Altstraßenforscher Herbert Krüger, der sich in den 1950er Jahren mit der Reise Abt Alberts beschäftigte, rechnete aus, dass die Angaben des Abtes eine Abweichung aufweisen, deren  Genauigkeit der heutiger KFZ-Tachometer entspricht, also rund 10 %. 

Albert konnte also vor seiner Reise eine Liste, heute sagen wir „ein Roadbook“ der Orte erstellen, durch die er auf seiner Reise kommen würde. Und er wurde von Etappenort zu Etappenort geleitet, wobei deren Distanzen wohl durch die Ortskenntnis der jeweiligen Führer bestimmt wurden.


Noch ein Blick auf den Zustand der Straßen, auf denen Albert unterwegs war.

So bequem wie wir heute, hatten die Pilger es auf ihren Reisen nicht. Sie mussten auf ihrem beschwerlichen Weg in Nordeuropa die uralten und meist unbefestigten Straßen benutzen. So mancher heutige Fußgänger oder Radfahrer würde solch eine Straße als Zumutung empfinden. Man stelle sich einen streckenweise mit Gras bewachsenen Erdweg vor, der dort, wo der Boden besonders feucht ist, von Wagenspuren zerfurcht ist. Oder an den Steigungsstrecken der Berge, wo man tief ausgefahrene Hohlwege mit losem Geröll und Wurzeln in der Fahrspur vorfand. Noch schlimmer war es in den Alpen: Dort bewegte man sich auf schmalsten, z. T. schon zur Römerzeit in den Fels gehauenen Steigen oberhalb tosender Schluchten. Diese Straßenverhältnisse setzten sich bis weit in die Neuzeit fort.

Die Ausnahme bildeten die Straßen der Römer, hauptsächlich in Italien, aber auch in den von ihnen besetzten Gebieten: Sie beherrschten die Kunst des Straßenbaus und bauten Straßen, die oft auf die Beschaffenheit des Geländes wenig Rücksicht nehmen mussten. Es war eine Technik mit gradliniger Straßenführung, mit einem normierten mehrschichtigen Fahrbahnaufbau, mit Brückenbau und Knüppeldämmen durch Feuchtgebiete. Sie waren so gut, dass sie sich streckenweise auch ohne Wartung bis ins Mittelalter erhalten haben. Und wo man im Mittelalter noch auf solch einen Abschnitt traf, konnte man sich glücklich schätzen.

Zwischen Donauwörth und den Alpen stand den über Würzburg und Rothenburg reisenden Pilgern die alte Via Claudia Augusta zur Verfügung, die im 13. Jahrhundert noch als Verkehrsweg genutzt wurde. Ob sie damals allerdings noch in dem guten Zustand war, wie zu römischen Zeiten, darf bezweifelt werden.
Der Rompilgerweg durch Unterfranken

Abt Albert führte auf dem Weg durch das heutige Unterfranken sechs Etappenstationen auf.

In den letzten beiden Jahren habe ich versucht, über Quellen etwas über den genauen Verlauf der Route und durch Geländebegehungen Relikte einer alten Straße zu finden. Beides war recht problematisch. Denn die Etappenangaben Alberts sind die ältesten, die uns den Verlauf der uralten Straße zwischen dem Thüringer Wald und Würzburg relativ genau beschreiben.


Zwar lässt die Schlacht bei Strowa im Jahre 1078  die Vermutung zu, dass es schon damals diesen Verkehrsweg gab:


• Heinrich IV brach in Würzburg auf und zog mit seinem Heer zum Ort der Schlacht, der sich  an einem Knotenpunkt wichtiger Straßen zwischen Oberstreu und Mellrichstadt befand;


• die möglicherweise unterlegenen Sachsen flohen vom Ort der Schlacht auf der Hohen Straße und brannten zwei Tage später die Stadt Schmalkalden nieder.


So hat man auch die grobe Skizzierung der Straße, die auch Abt Albert nutzte: Über den Thüringer Wald nach Schmalkalden und Meiningen, sehr wahrscheinlich über Mellrichstadt das damals ein sehr wichtiger Straßenknotenpunkt war, und Neustadt, das damals gerade zwei Jahre seine Stadtrechte besaß, nach Würzburg. Einige alte Straßen im Zuge des Reisweges des Abtes über den Thüringen Wald, heute meist Wanderwege, tragen übrigens noch immer den Namen Hohe Straße.


Für fast alle anderen Abschnitte bis Würzburg gibt es zur Verifizierung des alten Routenverlaufes nur urkundliche Hinweise aus jüngerer Zeit.

Doch gibt es in der Altstraßenforschung den Begriff der Tradierung der Verkehrswege. Da die Verkehrswege im Gegensatz zu heute damals nicht künstlich gebaut  worden waren, wurden sie über die Jahrhunderte immer wieder genutzt. Der durch den zunehmenden Handel zu Beginn des 2. Jahrtausends entstehende Straßenzwang unterstützte zusätzlich die Fixierung auf bestimmte Hauptstraßen. Deswegen lässt sich der alte  Routenverlauf von der Schanz bis Schweinfurt heute relativ genau bestimmen, wenngleich auch die Relikte einer alten Straße fast nirgendwo mehr erkennbar sind. Die Flurbereinigung, der Eisenbahn- und Straßenbau aber auch die Ausweitung der Siedlungen haben ganze Arbeit geleistet.


Ab Würzburg, wo die wichtigen Handelswege von Frankfurt, Nürnberg und Augsburg eintreffen, gibt es wieder zahlreiche urkundlich Belege, meist auch  jüngeren Datums, stets aber nicht so  genau wie die Etappenangaben des Abtes.

Der Rompilgerweg im Gelände heute

Für die Festlegung der genauen Route als Pilgerweg heute, wäre der exakte Verlauf auf Wegen, die von Abt Albert begangen wurden, wünschenswert. Es ist jedoch nicht machbar.
Wenn es irgendwo noch Wegerelikte aus  dem Mittelalter gibt, so werden diese mit einbezogen. Ansonsten wird man sich bei der Ausweisung des Pilgerweges als Wanderroute und als Radroute an die bereits bestehenden Wege in unseren Landschaften halten müssen. Doch das oberste Gebot dabei ist, dass man sich so exakt wie möglich an die historische Vorlag  hält, um Irritationen und Parallelwege zu vermeiden. Abweichungen sind möglich, doch sollten sie sich in einem Rahmen von 1 – 2 km Kilometern bewegen.
Im Gebiet von Unterfranken haben wir einiges an infrage kommenden vorhandenen und touristisch markierten Wegen vorzuweisen, denn im Zuge des Weges von Abt Albert führen ab Eussenhausen bei Mellrichstadt bis nach Garstadt bei Schweinfurt Rad- Wanderrouten. Ab dort kommt es mangels geeigneter Wege zu einer kleinen Abweichung über Wipfeld und Schwanfeld, bevor die Route  bis nach Würzburg, Ochsenfurt und Aub den historischen Linien folgt.


Der Weg von Aub nach Rothenburg wurde von Peter Wesselowsky, dem ehemaligen Bgm. von Ochsenfurt erforscht und festgelegt, und wird vielleicht auch bereits bis zum kommenden Frühjahr ausgeschildert.


Aufgrund bestimmter günstiger Umstände war es möglich, die gesamte Route von Eussenhausen (LK REhön-Grabfeld) bis Aub als Pilgerroute mit dem Zeichen des Rompilgerweges Via Romea ausschildern zu lassen. Ende Oktober, spätestens aber bis zum Frühjahr werden alle Wegweiser dort hängen.

Der Dank dafür gilt dem Naturpark Bayerische Rhön für die LKe RG und Kiss, den LKen Schweinfurt und Würzburg sowie den Städten Schweinfurt und Würzburg.
Wegemarkierungen

Ausblick

 Potenzielle Rompilger können wohl schon im nächsten Jahr auf beschilderten Routen vom Thüringer Wald nach  Rothenburg laufen und Rad fahren. Zwar meist erst auf gemeinsamen Wegen doch im Mittelalter gab es ja auch keine besonderen Wege für die unterschiedlichen Verkehrsarten! Fußgänger, Reiter, Kutscher und Fuhrleute teilten sich die staubige Landstraße.