Versuch der Rekonstruktion eines uralten Fernweges von der Fulda durch die Hohe Rhön zur Streu im Landkreis Rhön-Grabfeld

von Jochen Heinke

veröffentlicht im Jahrbuch 1998 des Fuldaer Geschichtsvereins - überarbeitete Fassung Frühjahr 2000

Inhaltsverzeichnis

Anmerkungen zum Aufsatz 
Im Jahre 743
1.1. Der alte Wegezug in der bisherigen Literatur
1.2. Die Bedeutung des alten Wegezuges
1.3. Die geographische Bestimmung des Wegeverlaufes
1.4. Der Verlust der Verkehrsbedeutung des Ortesweges
2.1. Der Verlauf des alten Weges bis zur Fuldafurt bei Bronnzell
2.2 Von Bronnzell zum Grabenhöfchen
2.3. Vom Grabenhöfchen zum Heidelstein
2.4. Vom Heidelstein über die Hohe Rhön zum Gangolfsberg und weiter über Urspringen zum Hundsrücken
2.5. Vom Hundsrücken durch das Heidelberggebiet
   3. Fortsetzung des alten Weges östlich der Streu
3.1. Die östlichen Fortsetzungen des alten Weges jenseits der Streu, von Mittelstreu und Mellrichstadt ausgehend
3.2.Von der Streu über die Haßberge in den Bamberger Raum
   4. Einflüsse auf mögliche Wegeverlegungen im  Laufe der Jahrhunderte
   5. Abschließende Bemerkungen
   6. Zusammenstellung der vor- und frühgeschichtlichen Anlagen an der in der Nähe des Wegezuges
   7. Quellen

Anmerkungen zum Aufsatz

Ziel meiner Arbeit war es, den vorzeitlichen und frühmittelalterlichen Wegezug des Ortesweges von der Fulda in das Grabfeld zu beschreiben und eine Erklärung dafür zu finden, warum er in der späteren Geschichtsschreibung keine Bedeutung mehr hatte. Es mag vielleicht etwas kühn erscheinen, wenn man gut 1200 Jahre nach der urkundlichen Nennung den Versuch macht, den Verlauf eines alten Weges zu rekonstruieren und zu beschreiben. Aber bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts beschäftigten sich Wissenschaftler und Heimatkundler mit solchen Themen und legten mit ihren Forschungen den Grundstein für die weitere Altstraßenforschung in späteren Zeiten. Dabei hat sich für den Verlauf von vor - und frühzeitlichen Straßen schon früh die Erkenntnis durchgesetzt, daß diese im gebirgigen Gelände auf den Höhen bzw. den Wasserscheiden verliefen. Der Grund dafür liegt auf der Hand: die Flüsse schoben sich in großen Bögen (Mäandern) ihrer Mündung zu; die Täler wurden oft in ihrer ganzen Breite von ihnen und ihren Nebenarmen sowie dem Auwald ausgefüllt. Dazu kamen die einmündenden Flüsse und Bäche, die man ebenfalls hätte überqueren müssen. Der eigentliche Feind der Reisenden war allerdings nicht das Wasser direkt, sondern der sumpfige Auwald, in dem man Gefahr lief, stecken zu bleiben. Ein weiterer Grund mag gewesen sein, daß man auf den Höhen die vorliegende Wegstrecke bzw. das Ziel vor Augen hatte. Dabei dienten markante Punkte oder Berge mit entsprechender Silhouette sicher als Wegweiser.

Den Grundsatz der Höhenwege, der in der hessischen Straßenforschung oft bestätigt wurde, habe ich mit der Frage nach dem Verkehrsziel bzw. dem Verkehrsanlaß zur Grundlage meines Aufsatzes gemacht. Bei der dürftigen schriftlichen Überlieferung und der geringen Anzahl von Anhaltspunkten anderer Art können freilich alle Aussagen über den Weg in der vor- und frühgeschichtlichen Zeit nur begründete Hypothesen sein. Allerdings läßt sich aus den Bodenfunden, der Bodenbeschaffenheit und den uns bekannten Lebensgewohnheiten jener Zeiten schließen, welchen Verlauf der damalige Weg genommen haben könnte.

Helmut Jäger schreibt: "detaillierte Trassenangaben zur Fixierung der alten Völkerstraßen sind in den ernstzunehmenden neueren Arbeiten in der Regel unterlassen worden, weil so gut wie keine vorfränkischen Quellen existieren und weil die bisherigen Bodenfunde nicht ausreichen, daran ganze Straßenzüge aufzuhängen. Trotzdem ist anzunehmen, daß die alten Trassen und Verbindungswege in der Regel weitertradiert werden, weil bis in die frühmittelalterliche Zeit in erster Linie die natürlichen Gegebenheiten des Terrains den Streckenverlauf bestimmen. Hierbei ist freilich nicht auszuschließen, daß sich mit den Verkehrszielen auch die Verkehrsfunktion einzelner Routen verschob."

Diese Ausführungen bestätigten mich in meinem Vorhaben. Viel zu lange nämlich hat die fränkische und hessische Straßenforschung die vor- und frühzeitlichen Grabungsfunde - und damit die entsprechenden Siedlungsschwerpunkte - im alten Bahringgau und im Grabfeldgau nicht beachtet. Darüber hinaus läßt die Hohe Rhön - wie viele andere Mittelgebirge auch - ohne straßenbautechnische Fertigkeiten oft keine andere Trassenführung zu. Dies hat dazu geführt daß die Übergänge über die Hohe Rhön über viele Jahrhunderte nahezu unverändert geblieben sind. Lediglich Verkehrsverlagerungen durch politische Veränderungen fanden statt und sind nachzuweisen.. Bei entsprechender Berücksichtigung der Bodenfunde östlich der Rhön, der Geländebeschaffenheit der Hohen Rhön und den politischen Verhältnissen zwischen dem 8. und 10. Jh. läßt es sich m. E. durchaus vertreten, die Trassenführung durch die Rhön so zu bestimmen, wie ich es getan habe.

Im zweiten Kapitel des Aufsatzes beschreibe ich den Weg so wie ich ihn abgegangen bzw. mit dem Fahrrad abgefahren bin. Das heißt allerdings nicht, auch wenn es manchmal so formuliert ist, daß ich der Meinung bin, mich immer genau auf der Trasse des alten Weges bewegt zu haben. Streckenweise könnte dies aber durchaus der Fall gewesen zu sein. Spuren alter Benutzung finden sich häufig, allerdings sind es oft Hohlwege, teilweise Wegerinnenbündel, die lediglich auf starke Benutzung in jüngerer Zeit hinweisen. Soweit an oder in der Nähe der beschriebenen Trasse vorzeitliche Funde gemacht worden sind, wird darauf hingewiesen.

Unter der Voraussetzung, daß der vorzeitliche Weg als Kamm- bzw. Wasserscheidenweg verlief - und davon ist auszugehen - kommt m. E. nur dieser Wegezug infrage. Er erfüllt auf seiner gesamten Länge diese Voraussetzungen. Auf der gesamten beschrieben Strecke muß von der Fulda bei Bronnzell bis zur Streu bei Mellrichstadt oder Oberstreu kein einziger nennenswerter Bachlauf überquert werden. Es gibt nach meinen Beobachtungen keine weitere Wasserscheide durch die Rhön, die diese Voraussetzungen erfüllt.